Biohacking
Biohacking bedeutet, den eigenen Körper durch jegliche Art von Funktionalität zu erweitern. Angefangen hat es mit simplen RFID-Implantaten wie jenen, welche wir unseren Hunden und Katzen einsetzen. [1] Heute gibt es weitaus funktionsreichere Chips. Sie können als Ersatz für den Autoschlüssel [2] oder zum Anmelden bei Webseiten [3] verwendet werden. Es gibt Chips, mit denen wiederum andere Chips wie beispielsweise eine simple Zutrittskarte geklont werden können. [4] [5] Es gibt winzige Magnete, die in die Fingerspitzen eingesetzt werden, wodurch metallene Gegenstände wahrgenommen werden können. [6] Es gibt sogar kleine LEDs zum Implantieren. [7] (Wobei das selbst ich nicht verstehe. Ab einer gewissen Anzahl Implantaten kommt's wohl auch nicht mehr drauf an.)
- Autor:in
- Alexander Moser
- Veröffentlicht
Biohacking und die Finanzwelt
Da es auf dieser Welt verständlicherweise nicht allzu viele so dermassen verrückte technikbegeisterte Menschen gibt, war, ist und bleibt das Thema Biohacking wohl eine Randerscheinung. Doch das macht nichts, denn in fast allen Belangen kann sich die Biohacking-Gemeinschaft auf oft sehr kreative Weise selbst helfen.
Es gibt jedoch Ausnahmen. Insbesondere: Finanzsysteme.
Während es für die Guthabenkarte der Uni, die Zutrittskarte für die Parkplatzbarriere oder das Keyless-System des Autos nur mehr oder weniger hohe technische Hürden zu überwinden gilt, gibt es in Bezug auf Finanzsysteme umfangreiche Regularien. Ein neues “payment instrument” (zu Deutsch: Bezahlinstrument) zu lancieren kann, aufgrund der benötigten Zertifizierungen und Bewilligungen, Jahre dauern und Millionen kosten. Etablierte Firmen wie beispielsweise MasterCard oder Visa hingegen haben an Implantaten kein Interesse, da sie eine Rufschädigung durch den medialen Aufschrei befürchten. [8] Vor diesem Hintergrund hat die Ankündigung des “Walletmor” Bezahlimplantats für Aufregung in der Biohacking-Szene gesorgt. Es ist das erste seiner Art: Ein fertiges Produkt für die breite Masse. [9] Der Chip eines Schlüsselanhängers mit Bezahlfunktion einer bulgarischen Bank, verpackt in ein körperkompatibles Biopolimer. Zwar ist es noch nicht der “heilige Gral” – ein von einer Bank ausgestelltes und unterstütztes Bezahlimplantat mit unbegrenzter Gültigkeit – dennoch ein aufsehenerregendes Projekt.
Weshalb hast du dich für ein Implantat entschieden?
Ganz ehrlich? Weil ich es kann. Ich verfolge die Biohacking-Szene schon lange und wollte auch schon länger ein Implantat. Bisher habe ich allerdings noch keins gefunden, das mir die Mühe wert war. Schliesslich entstehen durch ein Implantat und dem damit verbundenen Aufwand nicht nur Kosten. Letzten Endes ist es ein Eingriff und birgt somit ein gewisses Risiko. Beim Walletmor ist diese Rechnung endlich aufgegangen. Bezahlen ist etwas, dass ich (leider) häufig mache. Da es sich beim Walletmor um ein fixfertiges Produkt handelt, entfällt auch der Bastelfaktor.
Wie ist das Implantat in deine Hand gekommen?
Es gibt zwei Arten, wie ein Implantat in der Grösse des Walltmors (38x7mm) unter die Haut gelangen kann: [10]
- Mit einer 5mm-Piercingnadel wird ein Hohlraum unter der Haut geschaffen, in dem das Implantat platziert wird.
- Mittels einem Skalpell wird ein Schnitt gemacht, durch den danach eine Tasche erarbeitet wird.
Der Eingriff kann durch eine Chirurg:in oder eine Piercer:in durchgeführt werden. Ich habe mich für ein Piercing-Studio entschieden, denn Piercer:innen sind durch ihren Beruf meist sehr aufgeschlossen. Mein Piercer hat sich für den Einsatz des Skalpells entschieden.
War der Eingriff schmerzhaft?
Das von mir ausgewählte Studio wird ärztlich geleitet, wodurch sie Eingriffe unter lokaler Betäubung durchführen dürfen. Dieses Angebot habe ich in Anspruch genommen, denn deshalb habe ich sie ausgewählt. Einzig der Stich mit der Nadel zum Injizieren des Lokalanästhetikums war unangenehm, da die betroffene Stelle empfindlich ist. Vom eigentlichen Eingriff habe ich nichts mitbekommen, ausser dass ich einen Grossteil der Zeit natürlich zugeschaut habe.
Hast du keine Bedenken, durch das Implantat überwacht zu werden?
Überhaupt nicht. Der Chip hat keine eigene Energiequelle und ist somit auf externe Stromversorgung angewiesen. [11] Das Kartenlesegerät erzeugt ein elektromagnetisches Feld, welches den Chip kurzzeitig per Induktion mit Strom versorgt, damit er die Transaktion autorisieren kann. Solang sich der Chip nicht in unmittelbarer Nähe zu einem solchen Feld befindet, ist er nicht funktionsfähig. Durch das Implantat kann ich nicht mehr überwacht werden als durch eine normale Kreditkarte. Jedes Smartphone ist bezüglich Überwachung bedeutend schlimmer.
Wie geht es jetzt weiter?
Leider hat der Chip im Implantat ein Ablaufdatum. Im Mai 2029 wird er unbrauchbar, kann aber im Körper belassen werden. Das Ziel von Walletmor ist es, bis zu diesem Zeitpunkt ein Nachfolgeprodukt anbieten zu können, welches hoffentlich unbegrenzt gültig sein wird.
Quellen
[1] A. Graafstra, „Biohacking - the forefront of a new kind of human evolution“ [2] turbo2ltr, „Using implant with factory keyless open and start“ [3] VivoKey Technologies Inc., „VivoKey Connect APIs“ [4] Dangerous Things, „NExT RFID + NFC Chip Implant“ [5] Dangerous Things, „Cloning common 125kHZ chips to the T5577“ [6] Dangerous Things, „Titan sensing biomagnet“ [7] Dangerous Things, „xSIID NFC + LED Implant“ [8] A. Graafstra, „Making payments with an implant“ [9] A. Graafstra, „Walletmor Payment Implant FAQ“ [10] Walletmor, Walletmor Instruction Guide. [11] Walletmor, „Frequently Asked Questions“
Hinweis des Autors
Dieser Beitrag widerspiegelt meine uneingeschränkte, persönliche Meinung und Erfahrung. Weder die Intersim noch ich haben jegliche Formen von Gegenleistungen erhalten oder stehen in Verbindung mit Walletmor Ltd., der Walletmor Foundation oder der Payment Implant Technologies Sp. z o.o. Die redaktionelle Verantwortung liegt ausschliesslich bei der Intersim.