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Nachhaltigkeit in der IT – zwischen Realität und Greenwashing

Nachhaltige Informatik: das Gegenteil als Symbolbild

Es zeigt sich je länger, je mehr, dass die IT-Branche eine bedeutende Rolle bei Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch spielt. Der rasende technologische Fortschritt hat seinen Preis: Gegenmassnahmen zur Förderung der Nachhaltigkeit können nicht Schritt halten.

Autor:in
Ivan Schwab-Germann
Veröffentlicht

Das heisst z.B.:

  • Energieverbrauch: Die IT-Branche ist für einen erheblichen Teil des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich. Laut dem Bericht “How bad are Bananas?” von Mike Berners-Lee verschlingen Surfen im Internet und Versenden von E-Mails allein die Energiemenge einer Jahresproduktion von 20 mittelgrossen Kraftwerken.
  • Elektronikschrott: Die schnelle Weiterentwicklung von Technologie führt zu einer zunehmenden Menge an Elektronikschrott. Laut einer Studie der Vereinten Nationen wurden im Jahr 2019 weltweit schätzungsweise 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert, und diese Zahl steigt weiter an. Die unsachgemässe Entsorgung dieses Elektronikschrotts kann zu schwerwiegenden Umweltproblemen führen, da viele Geräte gefährliche Chemikalien enthalten.

Künstliche Intelligenz:
Spannend, aber wie steht es um die Nachhaltigkeit?

Die Künstliche Intelligenz ist ein zweischneidiges Schwert in Bezug auf Nachhaltigkeit. Während sie das Potenzial hat, zu effizienteren Prozessen und positiven Umweltauswirkungen beizutragen, müssen die negativen Auswirkungen ernsthaft berücksichtigt und adressiert werden. Studien zeigen deutlich, dass der zusätzliche Energieverbrauch von KI massiv ist.

  • Eine Studie von OpenAI aus dem Jahr 2019 ergab, dass das Training eines einzigen hochleistungsfähigen KI-Modells so viel Energie verbraucht wie fünf Autos über ihre gesamte Lebensdauer.
  • Der weltweite Energieverbrauch von Rechenzentren, die für die Speicherung und Verarbeitung von Daten für KI-Anwendungen verwendet werden, wird bis 2025 voraussichtlich 1.000 Terawattstunden erreichen, was etwa dem Stromverbrauch von ganz Japan entspricht.
  • Laut einem Bericht von Nature verursachen Rechenzentren bereits heute mehr CO2-Emissionen als die gesamte Luftfahrtindustrie.
  • Eine Analyse von Forschern der University of Massachusetts Amherst ergab, dass KI-gesteuerte Überwachungssysteme in Städten wie New York City den Energieverbrauch um bis zu 10% erhöhen könnten, hauptsächlich aufgrund der zusätzlichen Belastung von Servern und Netzwerken.

Auf der positiven Seite können KI-Systeme in der Landwirtschaft helfen, den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln zu optimieren, was wiederum zu einer Reduzierung der Umweltbelastung führen kann.

Aber in der Summe ist die Konsequenz des KI-Hype klar: Wir brauchen Unmengen zusätzlicher Energie und belasten die Umwelt.

Ist sich die IT ihrer Verantwortung bewusst?

  • Nur 6 Prozent der Unternehmen setzen umfassende Massnahmen für eine nachhaltige IT um.
  • Unternehmen, die nachhaltige IT-Praktiken umsetzen, erzielen bessere Umwelt-Ratings (61 Prozent), höhere Kundenzufriedenheit (56 Prozent) und realisieren Steuervorteile (44 Prozent).
  • 57 Prozent der befragten Unternehmen wissen nicht, wie gross der CO2-Fussabdruck ihrer Unternehmens-IT ist.
  • Banken (52 Prozent) und Konsumgüterhersteller (51 Prozent) sind sich am häufigsten der Klimabilanz ihrer IT bewusst, während Unternehmen der fertigenden Industrie (28 Prozent) am wenigsten darüber informiert sind.
  • Nur 22 Prozent der Unternehmen planen, ihren CO2-Fussabdruck durch nachhaltige IT-Praktiken in den nächsten drei Jahren um mehr als ein Viertel zu reduzieren.

Die IT-Branche hat das Potenzial, einen positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten. Es ist jedoch wichtig, dass Unternehmen ihre IT-Strategien überdenken und nachhaltige Praktiken implementieren.

Was tut die IT heute schon? Was kann die IT noch tun?

  • Um das hohe Potenzial von Nachhaltigkeit zu realisieren, wird in nachhaltige Wertschöpfungsprozesse und IT investiert: 72 Prozent der befragten Unternehmen in der Schweiz haben im Jahr 2023 das gleiche oder ein höheres IT-Budget für nachhaltigkeitsbezogene IT-Projekte zur Verfügung als noch im Jahr 2022.
  • Google gab bekannt, dass ihre Rechenzentren 2019 mehr als das Doppelte an Rechenleistung pro Kilowattstunde verarbeiteten als noch 2011.
  • Unternehmen wie Apple, Google und Meta (Facebook) setzen sich zum Ziel, ihre Rechenzentren komplett mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Google tut das gemäss eigenen Angaben seit 2017 und will bis 2030 das Nettonull-Ziel erreichen. Apple zieht – auch gemäss eigenen Angaben - nach.
  • Die EU-Richtlinie zur Abfallbewirtschaftung elektrischer und elektronischer Geräte (WEEE) hat dazu beigetragen, den Elektronikschrott zu reduzieren und das Recycling von Elektrogeräten zu fördern. Laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur wurden 2019 in der EU insgesamt 82,5% des Elektronikschrotts gesammelt und behandelt, wobei 78% davon recycelt wurden.
  • Laut dem Bericht “RE100” von The Climate Group und CDP haben sich bereits über 400 Unternehmen verpflichtet, bis 2050 100% ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen.
  • Apple bietet ein Trade-In-Programm4 an, bei dem Kunden ihre alten Geräte gegen Gutscheine eintauschen können und verpflichtet sich, die recycelten Materialien in neuen Produkten zu verwenden.
  • Laut dem Bericht “Smart 2020” von The Climate Group und der Global e-Sustainability Initiative (GeSI) könnten digitale Technologien bis 2030 weltweit bis zu 20% der CO2-Emissionen reduzieren.

IT-Unternehmen müssen ihre Bemühungen verstärken und transparente Praktiken implementieren, um nicht nur Teil des Problems, sondern Teil der Lösung zu sein.

Nachhaltigkeit bewerten: Greenwashing oder doch nicht?

  • Um festzustellen, ob die Bemühungen der IT-Branche zur Nachhaltigkeit echte Fortschritte darstellen oder Greenwashing sind, sollten wir die konkreten Massnahmen und die Transparenz der Unternehmen bewerten. Doch das ist gar nicht so einfach. Folgende Punkte können einen Aufschluss geben:
  • Unternehmen sollten transparent über ihre Nachhaltigkeitsziele, -massnahmen und -ergebnisse berichten.
  • Investitionen in energieeffiziente Hardware, Nutzung erneuerbarer Energien und Optimierung von Rechenzentren geben Anhaltspunkte zu den Bemühungen einer Unternehmung.
  • Verwendung von recycelten Materialien und Wiederverwendung von Elektronikkomponenten.
  • Massnahmen zur Verringerung des CO2-Fussabdrucks.
  • Zertifizierungen und Standards: z.B. ISO 14001 oder das Energy Star-Programm
  • Betrachten Sie, wie verschiedene Interessengruppen (Stakeholder) die Nachhaltigkeitsbemühungen eines Unternehmens wahrnehmen. Wenn Stakeholder positiv auf die Bemühungen reagieren, könnte dies ein Hinweis auf Echtheit sein.

Nachhaltigkeit ein kontinuierlicher Prozess und Unternehmen können sich im Laufe der Zeit verbessern. Es ist wichtig, kritisch zu hinterfragen und nach Beweisen für echte Veränderungen zu suchen, um die Bemühungen eines Unternehmens bewerten zu können.

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Referenzen

Bild:

Foto unseres Atriums ergänzt mit Elektroschrott mit Hilfe von KI

Text:

“How bad are bananans?” - Mike Berners-Lee

RE100 - Climate Group

Smart 2020 - Climate Group & Global e-Sustainability Initiative (GeSI)